Ist Nachhaltigkeit in Niedriglohnländern möglich? Ein Beispiel aus Indien

Die Fashion Revolution Week ist voll im Gange. Im Fokus stehen Arbeitsbedingungen in Niedriglohnländern, wie Bangladesch, Thailand, Vietnam und Myanmar. Länder, in denen Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten und von ihrem Lohn nicht einmal ansatzweise Leben können. Länder, die die Verlierer der Globalisierung sind und mit dessen Leid man nur ungern konfrontiert werden möchte.

Als vor vier Jahren das Fabrikgebäude Rana Plaza in Bangladesch einstürzte, bekamen die Geschehnisse dort erstmalig mediale Aufmerksamkeit. Diese Aufmerksamkeit mündete in diverse gemeinnützige Organisation, die sich für gerechte Arbeitsbedingungen von Fabrikarbeitern einsetzen. So zum Beispiel Fashion Revolution oder die von uns 2017 ins Leben gerufene Kampagne, Request the Change.

Aber auch immer mehr nachhaltige Unternehmen schaffen eine attraktive Alternative für Fast Fashion Mode und setzen sich für gerechte Arbeitsbedingungen ein. So zum Beispiel CEO von Fair Fashion Pionier People Tree Safia Minney, die letztes Jahr die Initiative Slave to Fashion gründete, um auf die prekären Arbeitsbedingungen in Produktionsländern aufmerksam zu machen. Erst vor kurzem erschien das gleichnamige Buch zum Projekt (über das wir euch in einem gesonderten Beitrag näher berichten werden).

Doch was hat sich seit dem tragischen Einsturz 2013 in Niedriglohnländern getan? Welche Auswirkungen hatte dieses auf das Leben der Fabrikarbeiter? Und gibt es Unternehmen die anders agieren?

Indien. New Delhi. Das zweitgrößte Produktionsland in der Textilindustrie. Wir haben mit Anurag Jain, Project Manager, des Unternehmens Khaloom über faire Arbeitsbedingungen und die Zukunft der Textilindustrie gesprochen.

Khaloom ist ein Unternehmen, welches auf Nachhaltigkeit setzt, sowohl ökologisch als auch sozial. Die Stoffe werden zu 100% recycelt.

 

fesches.mascherl: Was hat sich seit dem Fabrikeinsturzes Rana Plazas in der Industrie getan?

In Indien nicht viel, leider. Wobei man dazu sagen muss, dass die Arbeitsbedingungen in Indien etwas besser sind als in Bangladesh, wenn auch bei weitem nicht perfekt. Als 2013 vom Unfall berichtet wurde, hat dies nicht so viel Aufmerksamkeit erregt wie es dies vergleichsweise in Europa getan hat. Der Unfall wurde hier viel mehr als eine Art Arbeitsunfall abgetan, der nicht überraschend kam. Und in Wirklichkeit passieren mehr solcher Unfälle, die dann von den Ländern, in denen sich diese zutragen, weitestgehend verschwiegen werden.

Auch die Fashion Revolution Bewegung ist hier nicht so präsent wie in Europa. Leute in den Großstädten wie New Delhi oder Mumbai wissen genauso wenig über Produktionsbedingungen Bescheid wie die Leute in ferneren Ländern. Und interessieren sich auch größtenteils nicht dafür: ein klassischer Fall der Dehumanisierung. Auch hier bestimmt der Preis die Nachfrage. Woher und von wem die Kleidung gemacht wird ist nicht relevant.

 

fesches.mascherl: Wenn die Nachfrage nun doch gar nicht nach nachhaltiger (recycelter) Kleidung besteht und sowieso nur der Preis ausschlaggebend ist, warum geht ihr dann das Risiko ein, ein solches Unternehmen zu gründen?

Viele unserer Kunden kommen aus Europa und Kanada. Dies sind Länder, die sich sehr für nachhaltige Mode interessieren. Vor allem Kanada gehört zu unseren wichtigsten Kunden.

 

fesches.mascherl: Seit neuestem arbeitet ihr mit einer Technik, die zu 100% Stoffe recycelt – woher bezieht ihr die Materialien?

Die Materialien sind Abfallprodukte (also Pre-Consumer-Waste) von anderen Textilunternehmen, die wir wiederverwerten. Bei den Materialien ist uns vor allem wichtig, dass keine chemischen schädlichen Substanzen enthalten sind, wie beispielsweise Formaldehyd. Wir richten uns da vor allem an EU-Richtlinien. Die Technik, die wir zum Recyceln verwenden ist sehr klassisch: Spinnen und Weben per Hand. Unsere Technik legt den Fokus also sehr stark auf „Menschenkraft“.

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fesches.mascherl: Wie sieht der normale Arbeitstag eines Mitarbeiters aus?

Wir stehen noch am Anfang unseres Unternehmens, weswegen wir noch keine festen Angestellten haben. Wir versuchen uns aber auf ein bestimmtes Gebiet zu konzentrieren und geben Leuten, die mit dem Spinnen und Weben vertraut sind, die Möglichkeit auf uns zuzukommen und mit uns zu arbeiten. Im Grunde genommen sieht unsere Zusammenarbeit so aus: Wir geben unseren Arbeitern, die erforderlichen Materialien und das erforderlichen Werkzeuge mit nach Hause. Unsere Arbeiter können sich die Zeit selbst einteilen, da sie nach einem Kilo-Preis bezahlt warden und jederzeit ihre verwebten Stoffe an uns zurück geben können. Dieses flexible Arbeitsmodell ist besonders für Frauen attraktiv, die sich so selbst die Zeit einteilen können und sich auch um die Fürsorge ihrer Kinder kümmern können.

 

fesches.mascherl: Wie viel beträgt der Kilopreis, den ihr euren Arbeitern zahlt?

Pauschal lässt sich das nicht sagen. Wir versuchen den Kilopreis an die Lokalitäten anzupassen. In der Regel zahlen wir mehr als den angegebenen Mindestlohn. Neben dem Lohn helfen wir unseren Arbeitern außerdem dabei eine geeignete Krankenversicherung zu zahlen und versuchen sie davon zu überzeugen, dass ihre Kinder in die Schule gehen. Krankenversicherungen werden in Indien nicht von den Unternehmen übernommen und dass Kinder in die Schule gehen ist natürlich auch keine Selbstverständlichkeit. In Zukunft möchten wir uns in diesem Bereich aber noch mehr engagieren. Vor allem möchten wir in Zukunft Leute anstellen und alle unsere Arbeiter mit einer Versicherung ausstatten.

 

fesches.mascherl: Woher kommt die Idee Khaloom zu gründen?

Khaloom ist aus einer Initiative von Enviu entstanden. Enviu ist eine niederländische Organisation, die sich dafür einsetzt, Unternehmen zu gründen, die einen positive sozialen Wandel hervorrufen. Unser Management sitzt also in Rotterdam, Niederlande und kümmert sich um die Akquise von potentiellen Kunden und Investoren.

Bildmaterial: Khaloom, Anurag Jain

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Recycelte Stoffe
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